Die Arbeitsmigranten kehren zurück

Von Irland nach Slubice – Wegen der Wirtschaftskrise haben Hunderttausende Polen ihre Jobs im Ausland verloren.

Seit Generationen sind Polen für besser bezahlte Jobs ins Ausland gezogen. Aufgrund der Wirtschaftskrise sieht sich das Nachbarland derzeit aber mit einer RückkehrerWelle wie selten zuvor konfrontiert.

„Treten Sie ein, einen Platz können wir Ihnen aber leider nicht anbieten." Tomasz Stachowski und seine Freundin Aleksandra Pilarska-Falkowska sind von den Köpfen bis zu den Füßen mit Staub und Farbklecksen bedeckt. Die beiden Polen renovieren gerade ihre Eigentumswohnung, die sie kürzlich in Slubice gekauft haben.
165 000 Zloty hat das 55 Quadratmeter große Quartier in der Grenzstadt gekostet. Umgerechnet sind das etwa 42 000 Euro. „In einem Dorf 15 Kilometer von hier hätten wir dafür zwar ein ganzes Häuschen bekommen, aber wir wollten nicht auf dem Dorf leben", berichtet Tomasz. Dass sich der 24-Jährige und seine zwei Jahre ältere Partnerin überhaupt eine Wohnung leisten können, ist dem Umstand zu verdanken, dass sie mehr als drei Jahre lang in Irland gearbeitet haben.

Im Juni 2006, gleich nachdem Tomasz seine Ausbildung an der Slubicer Landwirtschaftsschule beendet hatte, waren die beiden zur grünen Insel aufgebrochen. Irland und das benachbarte Großbritannien galten damals als bevorzugte Ziele von Arbeitsmigranten aus dem Weichselland. Die Zahl der Polen, die sich entweder ganz dort niedergelassen hatten oder als Pendler die zu Hause gebliebenen Angehörigen versorgten, wurde in Spitzenzeiten auf anderthalb bis zwei Millionen Menschen geschätzt.
So, wie sie es aus der Geschichte ihres Volkes seit Generationen gewohnt waren, halfen sich die Exilanten gegenseitig mit Rat und Tat. Sogar polnischsprachige Zeitungen entstanden, sowie Läden, die die von zu Hause gewohnten Lebensmittel anboten. Auch Tomasz und seine Freundin kamen zunächst bei einem Bekannten aus Slubice unter, der bereits in der Kleinstadt Donegal, ziemlich weit im Norden Irlands, Fuß gefasst hatte.
Aber was hatte eigentlich seine Mutter dazu gesagt, dass es ihren damals erst 20-jähriger Sohn ins Ausland zog? Tomasz scheint von der Frage amüsiert: „Sie fuhr doch selbst regelmäßig nach Frankfurt am Main, um dort als Haushaltshilfe zu arbeiten", berichtet er. Deshalb habe sie ihm sogar geraten, das Land zu verlassen. „Als ich von zu Hause los fuhr, blieben nur noch mein jüngerer Bruder, dessen Freundin und die Katze hier", berichtet er.

Obwohl im Sommer 2006 viele einträgliche Jobs in Irland bereits an Ausländer vergeben waren, fand sich in der Nähe von Donegal ein Dorfgasthof, der Personal für Bar und Rezeption suchte. „Wir mussten nicht länger als acht Stunden am Tag arbeiten und verdienten dennoch in den besten Zeiten jeder um die 1600 Euro im Monat", berichtet Tomasz. „Manchmal sogar 1800 Euro", korrigiert ihn Aleksandra sofort.
Da östlich der Oder schon 300 Euro als guter Monatslohn für Berufsanfänger gelten, lässt sich leicht errechnen, wie gut sie es finanziell getroffen hatten. Aber nicht nur das: Die Iren seien sehr freundlich zu den Gastarbeitern gewesen, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie selbst erst seit kurzer Zeit den wirtschaftlichen Aufstieg ihres Landes genossen.
Aus der gewaltigen Zahl der Arbeitsmigranten entstanden aber auch Probleme. Nicht nur, dass in Polen selbst in vielen Branchen – vor allem auf dem Bau – die Fachleute fehlten. Durch die langen Trennungen entfremdeten sich viele Ehepaare, nahm die Zahl der Scheidungen sprunghaft zu. „Mein Mann kam wie der Weihnachtsmann mit Geld und Geschenken nach Hause. Wir hatten schnellen Sex und gingen einmal in die Kirche. Aber bevor ich etwas von meinen und den Problemen der Kinder erzählen konnte, war er schon wieder weg", schildert eine Betroffene ihr Schicksal.

Für die Kinder, die ihre Väter immer seltener oder gar nicht mehr zu Gesicht bekamen, entstand sogar ein neuer Begriff – im Nachbarland nennt man sie „Euro-Waisen". Auch die Katholische Kirche ist um das Seelenheil dieses Teils ihrer Gläubigen besorgt. „Im Ausland sind sie die Fremden, zugleich entfernen sie sich aber auch von ihrer Heimat", meint etwa der Bischof von Opole, Andrzej Czaja.

Für Tomasz und Aleksandra, das junge Paar, das sich erst kurz vor der Abreise kennengelernt hatte, wurde der Auslandsaufenthalt dagegen zur Bewährungsprobe, ob sie es länger miteinander aushalten würden. „Wir hatten uns von vornherein vorgenommen, dass wir wieder nach Slubice zurückkehren würden. Schließlich sind hier unsere Familien und Freunde", berichtet die 26-Jährige. Auch Kinder wünschen sich die beiden, „wenn wir auch noch nicht genau wissen, in welchem Jahr".
Ihre Zeit in Irland endete aber doch früher als erwartet. „Wegen der Wirtschaftskrise besuchten immer weniger Touristen den Gasthof. Und immer häufiger sagte unser Chef, dass wir nicht mehr zur Arbeit kommen brauchten." Anfang 2009 mussten die beiden Polen dann Anträge auf Sozialhilfe stellen. In größeren Orten Irlands sei es sogar zu Beschimpfungen und Protesten gegen die Polen gekommen, weil die Einheimischen sie plötzlich als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt betrachteten.

Vor drei Monaten packten Tomasz und Aleksandra ihre Sachen und kehrten nach Slubice zurück. Doch auch in ihrer Heimat hat sich die Lage inzwischen geändert. Obwohl Polen das einzige Land innerhalb der EU ist, in dem das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr trotz der Krise leicht gestiegen ist, sind gute Jobs derzeit Mangelware. Die Arbeitslosigkeit wuchs seit Anfang 2009 fast um ein Drittel, wobei die Rückkehrer aus dem Ausland kräftig zu diesem Anstieg beitrugen.
Immerhin hilft die Mitgliedschaft in der Europäischen Union auch in dieser Situation. Seit einigen Jahren werden in Polen – ähnlich wie in Brandenburg – Qualifizierungsprojekte für Arbeitslose aus dem Europäischen Sozialfonds finanziert. „Allein in der Wojewodschaft Lebuser Land konnten wir im vergangenen Jahr 125 Millionen Zloty (rund 30 Millionen Euro) dafür einsetzen", berichtet die Sprecherin des regionalen Arbeitsamtes, Malgorzata Kordon.
Auch Aleksandra ist seit Januar arbeitslos gemeldet. Ihr Freund Tomasz zögert dagegen noch. Wegen der Renovierung der Wohnung will er keine Zeit für Behördengänge verschwenden. „Mir wird schon etwas einfallen, schließlich steht der Frühling vor der Tür", meint er optimistisch.
Zahlreiche Politiker, die früher noch die Arbeitsmigranten mit Sonderangeboten wieder nach Hause locken wollten, sind inzwischen verstummt. Die Regierung hat zumindest eine Amnestie für alle diejenigen beschlossen, die in der Vergangenheit Geld aus dem Ausland nach Hause transferierten und „vergaßen", dafür Steuern zu bezahlen.
Manch einer der Heimkehrer wartet auch schon auf den Mai 2011. Dann werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt die letzten Beschränkungen für polnische Arbeitnehmer fallen.
So weit will Tomasz noch nicht denken. „Außerdem kann ich kein Deutsch", sagt er. Seine neue Wohnung wolle das Paar schließlich auch nutzen. Aber dann fällt ihm ein, dass er vor seiner ersten Reise nach Irland auch nur wenig Englisch gesprochen hat.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 01.03.2010