Schlachtenlärm in Kolberg

Vor 65 Jahren tobten die letzten Kämpfe des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Gebiete östlich der Oder gelangten wenig später zu Polen. Mit einer schon irritierenden Detailtreue erinnerte die Stadt Kolberg (Kolobrzeg) am Wochenende an diese Zeit.

Alljährlich kommen tausende Deutsche nach Kolberg. Die Stadt mit dem breiten Strand ist besonders bei Kurgästen beliebt. Auch an diesem Sonnabend bringen Reisebusse neue Besucher an die Ostsee, während bisherige abreisen.

Doch etwas ist anders an diesem Tag. Ein Posten, der den Weg zum Parkplatz weist, trägt eine SS-Uniform und einen Karabiner. Und über Lautsprecher ertönen historische Kampflieder.

„Die Teilnehmer unseres Schauspiels kommen aus ganz Polen. Über 300 sind da", berichtet Malwina Markiewicz begeistert. Die junge Frau ist Mitarbeiterin des „Museums für polnische Waffenkunst", das in Kolberg seinen Sitz hat. Seit fünf Jahren erinnert das Museum alljährlich mit einem Freiluftspektakel an jenen März 1945, in dem die Stadt von polnischen und sowjetischen Soldaten erobert wurden. Anlässlich des 65. Jahrestags fällt das Ereignis besonders groß und – wie der Gast aus Deutschland bemerkt – detailgetreu aus. An Häuserwände stehen Parolen wie: „Kolberg bleibt deutsch" und „Der Sieg ist unser".

Ein Moderator wird nicht müde, die geschichtlichen Zusammenhänge zu erläutern. Kolberg, das zur Festung erklärt worden war, hatte für die Deutschen im Winter vor 65 Jahren strategische Bedeutung. Der Hafen konnte Flüchtlinge aufnehmen, die aus Ostpreußen und dem Kurland geflohen waren. Und die Landverbindung zu den dort kämpfenden Truppen sollte bestehen bleiben.

Eine Gruppe besonders junger Akteure trägt Hakenkreuzbinden und Flinten. Ein höchstens 16 Jahre altes Mädchen mit künstlichen blonden Zöpfen hat eine Panzerfaust umgehängt. Ihr Nebenmann hat sich ein Hitlerporträt unter seine Achsel geschoben. „Wir spielen den Volkssturm", berichtet Kamil Majewski. Der 26-jährige ist aus dem 300 Kilometer entfernten Warschau angereist. „Im vergangenen Jahr haben wir dort den Aufstand von 1944 nachgespielt", sagt der Mann, der normalerweise als Analyst für eine Bank arbeitet.

„Ich werde in diesem Jahr gleich acht Mal erschossen", mischt sich der Träger einer Wehrmachtsuniform ins Gespräch. Nein, dieses Hobby habe für ihn „keinen ideologischen Hintergrund", entgegnet er auf die Frage, was das Kriegsspiel für ihn bedeutet. Er freue sich sogar, dass in Kolberg Deutsche zum Publikum gehören, „denn es war früher eure Stadt".

Einen noch weiteren historischen Bogen schlägt Rafal
Stecki. Der junge Mann, der sich kurz vor dem Kampf noch einen Zigarillo schmecken lässt, ist mit seiner Tochter aus Rzeszow an der Grenze zur Ukraine angereist. Er erzählt: „Einer meiner Großväter hat als Partisan gegen die Sowjets gekämpft, der andere bei der Heimatarmee gegen die Deutschen. Mein Vater war im Kommunismus Milizionär. Und ich bin eigentlich ein Arzt, der sich für die Geschichte interessiert. Wir Polen wissen, dass ihr Deutschen auf die Kriegszeit nicht stolz sein könnt. Aber ihr müsst auch mal unsere Perspektive verstehen."

Dann krachen die ersten Schüsse. Polnische Soldaten gehen geschützt von einer Selbstfahrlafette auf die Barrikade des Volkssturms los. Die Veranstalter haben mit Schießpulver und pyrotechnischen Effekten nicht gegeizt. Deshalb schreit der Moderator immer wieder durch den Lautsprecher, die Zuschauer sollten nur ja hinter den Absperrbändern bleiben. Doch die Massen drängen wegen und des einsetzenden Regens immer weiter zusammen. „Nimm doch mal den Schirm weg, ich seh ja gar nichts", schimpft ein dicklicher Herr, der dabei fast aus seiner Uniform platzt.

Es kommt, wie es kommen muss: Die Angreifer, die seinerzeit Kolberg vom 4. bis zum 18. März belagert und dabei Häuserzeile für Häuserzeile erobert hatten, drängen die Deutschen immer weiter zur Ostsee zurück. Dutzende Volkssturm- und Wehrmachtsdarsteller liegen minutenlang als „Leichen" auf dem durchnässten Boden. Ein altes Haus, an dem noch immer eine Metallplatte mit der Inschrift: „Werner Mach – staatl. gepr. Dentist" prangt, wird gesprengt – mit viel Qualm und rotem Nebel.

Anschließend kommt es am Ostseestrand zu einer Zeremonie mit viel Symbolkraft: Vor den siegreich angetretenen Truppen wird die „Hochzeit Polens mit dem Meer" vollzogen. Ein Akt, den es so tatsächlich am 18. März 1945 in Kolberg gab. Er ist nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Polen seit seiner Teilung im 18. Jahrhunderts lange Zeit von der Ostsee getrennt war.

Einer der Darsteller zitiert die historischen Worte des Korporals Franciszek Niewidziajlo: „Wir sind zu Dir gekommen, Meer. Und schwören, dass wir Dich nie wieder hergeben werden. Indem ich einen Ring in Deine Wellen werfe, vollziehe ich die Hochzeit mit Dir, weil Du unser bist und sein wirst." An einem großen Denkmal aus Beton, das sich über der Strandpromenade erhebt und noch aus der sozialistischen Zeit stammt, sind diese Worte ebenfalls nachzulesen.

Ein Kurgast aus Sachsen, der das Geschehen neugierig betrachtet, aber von den Erläuterungen kaum etwas versteht, kommentiert nachdenklich: „Als fünfjähriger Junge habe ich die Bombennacht von Dresden nur knapp überlebt. Ich kann verstehen, wenn sich die Sieger von damals feiern. Aber nicht, dass man einen Krieg nachspielt."

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Veröffentlichung/ data publikacji: 22.03.2010