Stoffe aus Lublin. Ulrike Grossarth: Gegenwartskunst; Stefan Kiełsznia: Historische Straßenfotografien

Ein Ausstellung des Kunstfonds und des Kunsthauses Dresden, Städtische Galerie für Gegenwartskunst in Zusammenarbeit.
Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes.

11. Juni bis 19. September 2010, Kunsthaus Dresden

In der Ausstellung wird ein Teil eines einzigartigen Fotozyklus vom jüdischen Viertel in Lublin aus der Zeit unmittelbar vor der deutschen Besatzung vorgestellt, der seit einigen Jahren der zentrale Ausgangspunkt des bildnerischen Schaffens von Ulrike Grossarth ist. Die um 1938 entstandenen Aufnahmen des Lubliner Fotografen Stefan Kiełsznia (1911-1987) zeigen einzelne Straßenzüge Haus für Haus. So entstand – kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der damit verbundenen Zerstörung und Vernichtung jüdischen Lebens – eine außergewöhnliche Bildfolge, die das Leben in einem der jüdischen Zentren Polens festhält. Die Fotografien sind eine Bestandsaufnahme und seltene Dokumentation eines normalen, von der Bedrohung noch unberührten Alltags in dem jüdischen Viertel, in dem der Textilhandel und kleinere Handwerksbetriebe das Straßenbild bestimmten.

In „Stoffe aus Lublin/Bławatne z Lublina“ werden die Fotografien durch die Werke Ulrike Grossarths, die „Übergreifendes künstlerisches Arbeiten“ an der Hochschule für Bildende Künste Dresden lehrt, kontextualisiert. Das Schaffen wie auch die Lehrtätigkeit der Künstlerin sind in besonderer Weise durch ihre Auseinandersetzung mit dem europäischen Kulturraum als Erinnerungsraum geprägt. Seit 2005 setzt sich Ulrike Grossarth intensiv mit den Fotografien Kiełsznias und der Stadt Lublin auseinander In ihrer Malerei, wie auch in räumlichen Arbeiten und zeichnerischen Animationen nimmt Ulrike Grossarth eine vorsichtige Transformation des historischen Fotomaterials vor. Aus den Fotografien herausgegriffene Details, darunter vor allem Motive von Werbetafeln für Stoffe, Textilien und Alltagsgerät, die die Straßenszenen bestimmen, werden zu abstrakten Emblemen, aber auch zu gegenständlichen Verweisen auf eine lebendige Kultur und Gesellschaft verwandelt, deren Abwesenheit als Leerstelle bis heute fortwirkt. Weiterhin entwickelt Ulrike Grossarth in Anlehnung an die Fotografien Figuren, die aus Fragmenten verschiedener historischer Epochen des Abendlandes zusammengesetzt sind. Vor diesem Hintergrund ermöglicht der Dialog der bildkünstlerischen Werke von Ulrike Grossarth und der Fotografien Stefan Kiełsznias – denen in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet ist – einen ebenso ungewöhnlichen wie vielschichtigen Zugang zu Aspekten der Geschichte und des europäischen Geisteslebens.

Von den Aufnahmen Kiełsznias sind heute etwas mehr als 140, überwiegend als Negative erhaltene Motive bekannt. Diese sind überwiegend im Kulturzentrum „Brama Grodzka - Teatr NN“ in Lublin archiviert, das seinen Sitz in dem Stadttor hat, welches früher der Durchgang zwischen dem christlichen und jüdischen Teil der Stadt markierte. Neben dem Ausstellungskatalog erscheint ein Foto- und Künstlerbuch, das den außerhalb Lublins bisher weitgehend unbekannten Fotozyklus Stefan Kiełsznias nun erschlossen und digitalisiert sowie erstmals umfänglich publiziert. Durch die Erschließung und Digitalisierung der Fotografien sowie vor allem deren Publikation wird eine zukünftige Zugänglichkeit dieses europäischen Kulturerbes für die interessierte Öffentlichkeit gesichert.

Das Projekt stellt einen wichtigen Beitrag zum deutsch-polnischen Dialog, der Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte und zur Erinnerungskultur dar und ist eine Fortsetzung der Zusammenarbeit des Kunstfonds mit dem Kunsthaus Dresden zu Fragen der Erinnerung in der zeitgenössischen Kunst, die mit dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt „Von der Abwesenheit des Lagers - Reflexionen zeitgenössischer Kunst zur Aktualität des Erinnerns“ im Jahr 2006 begonnen hat.

Zur Ausstellung erscheint eine dreisprachige Publikation (Deutsch/Englisch/Polnisch) in zwei Bänden, bestehend aus einem Katalog zur Ausstellung und einem Foto- und Künstlerbuch, das den Fotografien Stefan Kiełsznias gewidmet ist.

Links: www.kunsthausdresden.de
www.tnn.lublin.pl

Event: 11.09.2010 - 00:00 - 19.09.2010 - 23:59
Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 05.06.2010