In Külz über schwierige Dinge - Heimat Pommern

Die territorialen Verschiebungen Polens und Deutschlands nach dem Krieg und was sich damit verbindet – die Vertreibung und Umsiedlung von Millionen von Menschen – hatten in beiden Völkern und Kulturen einen erheblichen Einfluss auf das Verständnis von Begriffen wie väterliches Erbe (ojcowizna), familiäre Gegend (strony rodzinne), Heimat oder kleines Vaterland (mała ojczyzna).

Die neuesten, von der Europäischen Akademie Külz-Kulice herausgegebenen „Zeszyty Kulickie/Külzer Hefte“ handeln von eben diesem Problem. Sie enthalten Vorträge der deutsch-polnischen Tagung „Rodzinne Pomorze – dawniej i dziś/Heimat Pommern – einst und jetzt“.

„Heimat bzw. das kleine Vaterland ist für jeden Menschen wichtig. (…) Die Tagungsteilnehmer waren sich darin ebenso einig wie in dem Punkt, dass der Weg nach Europa über das Erkennen der eigenen Identität führe“, schreibt die Akademieleiterin Lisaweta von Zitzewitz in ihrem Vorwort.

Den Band eröffnet ein Vortrag von Charlotte Pawlowitsch-Hussein von den Universitäten in Bonn und Heidelberg, der den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs „Heimat“ in der deutschen Geschichte gewidmet ist. Die Autorin bespricht seine Etymologie, seine ältesten Bedeutungsinhalte (Haus und Hof, väterliches Erbe usw.) und macht auch darauf aufmerksam, dass er Ende des 17. Jahrhunderts in der Schweiz im Zusammenhang mit dem Begriff „Heimweh“ auftauchte. Damals erschien eine medizinische Arbeit, die der bedrohlichen Krankheit der „Heimweh-Seuche“ gewidmet war. Ähnliche Arbeiten wurden auch im 19. Jahrhundert veröffentlicht, eine von ihnen trug den Titel „Selbstmord aus Heimweh“.

Der „Heimat“-Begriff erschien später auch in Zusammensetzungen wie „Heimatkunst“ und „Heimatliteratur“; sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts sogar zu programmatischen Parolen, die die wahrhaftige Kunst in Gegenüberstellung zu der erdachten, in entfremdeten künstlerischen Milieus entstehende Kunst kennzeichnen sollte. Künstler verließen damals demonstrativ die Hauptstädte, siedelten sich in Kleinstädten oder auf dem Land an und schufen eine „lebensnahe“ Kunst. Im „Dritten Reich“ jedoch wurde der „Heimat“-Begriff von den Nazis für die Rassenpropaganda ausgenutzt, der „Blut-und-Boden-Kunst“, die in Deutschland die gesamte Regionalkunst kompromittierte oder zumindest verdächtig erschienen ließ.

Nach dem Krieg wurde der traditionelle Bedeutungsinhalt des Wortes „Heimat“ allmählich wiederhergestellt, insbesondere in jenen Milieus, deren Mitglieder ihre „Heimat“ verloren hatten und sie unter veränderten Bedingungen neu aufbauen mussten. Die Jahre vergingen, und vor nicht allzu langer Zeit erschien der Begriff in einer nicht ganz logischen Form wieder – nämlich als „neue Heimat“ im Sinne eines geistigen Abschieds von der „alten Heimat“, die man in den heute zu Polen gehörenden Gebieten gelassen hatte und „Heimat“ von Polen geworden ist. (Es lohnt auch der Verweis auf jene Teile des Referats, in denen Charlotte Pawlowitsch-Hussein über die Gefahren der Ideologisierung und Politisierung des Regionalismus schreibt.)

Die beiden nächsten Artikel wurden von Józef Borzyszkowski und Roswitha Wisniewski verfasst und betreffen die Kaschuben. Borzyszkowski stellt die These auf, dass die Kaschuben „als pommersche langlebige pommersche Gemeinschaft nicht so sehr eine Brücke als vielmehr ein Bindemittel für all jene sein können, denen Pommern nahe steht (…), eine vergleichsweise kleine Heimat, die in den Grenzen zweier Staaten an Weichsel, Oder und Elbe an der Ostsee funktioniert.“

Es ist hier nicht der Platz, um alle in dem neuesten Band der „Zeszyty Kulickie/Külzer Hefte“ enthaltenen Referate zu besprechen. Erwähnen wir daher die übrigen Beiträge: Alina Hutnikiewicz schreibt über die Ansiedlung in Westpommern nach 1945 (aus den alten polnischen Ostgebieten stammten 25 Prozent der Neusiedler, aus Zentralpolen, Pommern und Großpolen 67 Prozent). Pfarrer Zdzisław Lec schreibt über die Rolle der katholischen Kirche bei der Integration der Neusiedler in Westpommern, Rafał Fołtyn und Dawid Gonciarz über die Ansiedlung von Polen aus dem Wilna-Gebiet in Mittelpommern, Janusz Mieczkowski über die Juden in der sozialen Landschaft Westpommerns nach 1945, Saba Keller darüber, wer die Bewohner der „wiedergewonnenen Gebiete“ heute sind, Ilse Gudden-Lüddeke über die Verständigungsarbeit der Pommerschen Landsmannschaft mit Polen seit 1989 und Halina Matynia über die Tätigkeit der Johanniter in Pommern in den Jahren 1995-2006.

Zum Schluss sei daran erinnert, dass die Europäische Akademie Külz-Kulice ihren Sitz in dem früheren Herrenhaus der Familie von Bismarck in Kulice bei Nowogard hat, das der Stettiner Universität gehört. Die Zusammenarbeit beider Institutionen und insbesondere das Beschreiben und Erhellen von noch immer schwierigen deutsch-polnischen Angelegenheiten hat ein deutlich überregionales Ausmaß und dient der Verständigung zwischen den beiden Völkern und Staaten.

Übersetzung aus dem Polnischen:Zzz

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 21.02.2011