"Die Mörder blieben geschätzte Bürger"

GL: Ein Vorwurf lautet, Sie würden zu sehr verallgemeinern. Kann sich dadurch wirklich in der Welt die Meinung herausbilden, die Polen seien genauso schuld am Holocaust wie die Deutschen?
JTG: Diesen Vorwurf gibt es. Aber er stimmt nicht. Wir schreiben nicht, dass "die Polen" sich an Mordaktionen oder Raubzügen gegen Juden beteiligten. Wir schreiben, dass es in der Okkupationszeit Morde von Polen an Juden gab, dass Polen normalerweise das Eigentum von Juden übernahmen, wenn diese von den Nazis in ein Ghetto oder ein KZ abtransportiert wurden. Es war auch eher die Regel denn die Ausnahme, dass Polen Juden an die Deutschen verrieten oder sogar auslieferten, statt sie zu schützen. Anders als dies im polnischen Bewusstsein verankert ist, war der Verrat an Juden eben nicht die Domäne des Pöbels oder einer gesellschaftlichen Randgruppe, sondern zählte zum üblichen Verhalten. Nur so ist auch zu erklären, dass Polen, die Juden retteten, dies auch vor anderen Polen geheim halten mussten, während Polen, die Juden an die Deutschen auslieferten, damit öffentlich hausieren gingen.
GL: Woher wissen Sie das?
JTG: Die Quellen - Gerichtsakten, Briefe, Memoiren - zeigen dies deutlich: Die Nachbarn waren eine Bedrohung für jede Familie, die Juden versteckt hielt. Sie durften auf keinen Fall davon erfahren. Umgekehrt kam es oft zu Morden an Juden, von denen alle im Dorf wussten. Niemand schämte sich dafür. Die Menschen nahmen an den Mordaktionen teil, lebten ganz normal weiter und waren geschätzte Mitglieder der Dorfgemeinschaft.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 05.05.2011