Ein Tässchen mit Jesus

Am Fuße des monumentalen Denkmals im polnischen Swiebodzin ist das Geschäft mit dem Kitsch angelaufen. Das größte Jesus-Denkmal der Welt steht seit einigen Monaten nicht mehr in Rio de Janeiro, sondern in der Kleinstadt Swiebodzin, 60 Kilometer östlich von Frankfurt. Doch dort geht es nicht ganz so beschaulich zu, wie es sich der Gottessohn vielleicht gewünscht hätte.
„Welche Gipsfigur soll es denn sein? Die mittlere für 55 Zloty (etwa 14 Euro) oder die kleine für 35?“ Krystyna Wesseli-Laczak strahlt über’s ganze Gesicht, denn ihr Geschäft am Fuße das großen Jesus-Denkmals läuft prächtig. Wäre man boshaft, könnte man die energiegeladene Frau mit ihrer knallroten Jacke und den frisch gestylten Haaren auch als „Jesus-Verkäuferin“ bezeichnen. Denn auf jedem der Produkte, die sie massenhaft an die Kunden bringt, ist das Abbild jenes riesigen Denkmals zu sehen, das seit kurzem die kleine Kreisstadt Swiebodzin bekannt macht.
Die Auswahl ist groß: Es gibt Bilder, Anhänger und Kettchen, Gläser und Rahmen in allen nur denkbaren Formen und Größen. Doch der Renner sind eindeutig die Kaffeetassen für
20 Zloty (fünf Euro). Gerade erst hat eine Frau aus Danzig zehn Stück davon gekauft. „Ich habe allen meinen Bekannten versprochen, dass ich ihnen ein Andenken aus Swiebodzin mitbringe“, verrät sie. Und dem Gips-Jesus, den sie vielleicht für die Anrichte im eigenen Wohnzimmer erstanden hat, drückt die Katholikin vor Begeisterung gleich einen Kuss aufs Gesicht.
Der Laden, in dem Frau Wesseli-Laczak mehr oder weniger kitschige Souvenirs verkauft, gehört freilich der Kirchgemeinde, in deren Namen auch das Denkmal errichtet wurde. „Die Erlöse sollen uns helfen, die Kosten reinzubekommen“, berichtet die Verkäuferin. Ähnlich wie sie finden auch andere Polen, die in immer größeren Scharen zu der neuen Attraktion strömen, nichts Verwerfliches an dem Geschäft. Im Gegenteil: „Wenn man in Deutschland etwa nach Bayern fährt, dann gibt es doch auch überall Kruzifixe“, meint eine Frau. Im Geburtsort von Papst Benedikt XVI. habe sie selbst sogar schon Papst-Brot gegessen.
Wie überall auf der Welt gibt es auch in Swiebodzin schwarze Schafe, die auf eigene Faust Kerzenständer, Aschenbecher und Bilder mit dem Jesus-Denkmal verkaufen, ohne dafür irgendeine Konzession zu entrichten. Und dann ist da noch jener unangenehme Streit, der sich gerade zwischen dem Schöpfer des Denkmals und der Kirchgemeinde entwickelt. Miroslaw Patecki sei eher ein Hobbyhandwerker denn ein professioneller Künstler, weiß die Regionalzeitung „Gazeta Lubuska“ zu berichten. Doch seitdem das Geschäft mit den Souvenirs immer stärker wird, besteht er darauf, den ersten Entwurf für den großen Jesus geliefert zu haben.
Seine Vorstellungen seien zwar von den Ausführenden im Laufe der Zeit verändert worden, denn das Denkmal war zunächst nur als 12 Meter hohe Metallfigur geplant, nahm dann aber immer größere Dimensionen an. Doch wenigstens ein oder zwei Groszy je verkauftes Souvenir (Groszy heißen in Polen die Cents oder Pfennige) würde Patecki schon für sich beanspruchen.
Die Kirchgemeinde tut in dieser Situation erst einmal das, was man überall auf der Welt tun würde: Sie schweigt sich aus. Der amtierende Pfarrer Zygmunt Zimnawoda erklärt lediglich, dass man den Fall prüfen müsste. Auch sein Vorgänger Sylwester Zawadzki, durch dessen Ego und Überzeugungskraft das große Denkmal überhaupt erst möglich wurde, hat sich bezüglich der Kosten für das Projekt nie in die Karten schauen lassen. Unter anderem waren Strafgefangene am Bau beteiligt, was sich für deren Seelenheil positiv ausgewirkt haben soll.
Trotz der großen Touristenscharen und der regelmäßigen Prozessionen zur neuen Attraktion von Swiebodzin gibt es im Nachbarland auch kritische Stimmen dazu. Als die Wochenzeitschrift „Wprost“ im Dezember wie alljährlich ihre Umfrage nach dem „Kitsch des Jahres in Polen“ durchführte, schlugen gleich mehrere Teilnehmer das Jesus-Denkmal vor. In den Abmessungen der Figur verbirgt sich übrigens mehr Symbolik, als man auf den ersten Blick vermutet. So misst die Figur ohne Krone genau 33 Meter, weil Jesus 33 Jahre gelebt haben soll. Die drei Meter hohe Krone wiederum soll das dreijährige öffentliche Wirken des Gottessohnes darstellen. Und in den 16 Meter hohen Hügel, auf dem das Denkmal steht, wurden fünf Ringe eingearbeitet, welche Christus’ Bedeutung als Erlöser für alle fünf Kontinente verdeutlichen sollen.
Die Anreise zu dem Denkmal aus Deutschland ist momentan etwas erschwert, weil an der künftigen Autobahn zwischen Frankfurt (Oder) und Posen gebaut wird. Doch über einige Umwege ist das Denkmal von der Grenze aus in maximal einer bis anderthalb Stunden zu erreichen.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 20.05.2011