Das falsche Grab der Anna Walentynowicz

Zweieinhalb Jahre nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im russischen Smolensk wurden zwei Opfer neu obduziert. Das überraschende Ergebnis gibt alten Verschwörungstheorien neuen Nährstoff.
Was für ein Leben! Was für ein Tod! Und nun auch noch dies: Nicht genug, dass Anna Walentynowicz - die legendäre Kranführerin von der Danziger Lenin-Werft - 1981 für den Beginn jener Streikaktionen gesorgt hatte, die acht Jahre später in den Sturz des alten Systems in Polen mündeten. Dass sie die Solidarnosc-Legende Lech Walesa verdächtigte, mit dem früheren kommunistischen Geheimdienst in Verbindung gestanden zu haben. Und dass sie Regisseur Völker Schlöndorff verklagte, weil der Deutsche in seinem Spielfilm "Strajk" - mit dem er ihr eigentlich ein Denkmal setzen wollte - ihre Biographie leicht verändert hatte.
Jetzt sorgt Anna Walentynowicz zweieinhalb Jahre nach jenem tragischen Flugzeugabsturz im Nebel von Smolensk, bei dem sie mit 95 weiteren Polen den Tod gefunden hatte, erneut für Schlagzeilen. "Die Leiche von Anna Walentynowicz wurde eindeutig mit der eines anderen Opfers des Flugzeugunglücks verwechselt." Dies musste Oberst Zbigniew Rzepa von der Warschauer Militärstaatsanwaltschaft in dieser Woche einräumen. Zuvor hatten die Ermittler den am 17. September exhumierten Leichnam vom Danziger Friedhof als die Überreste von Teresa Walewska-Przyjalkowska identifiziert, die wiederum in einem Warschauer Grab ruhen sollte. Genau dort jedoch fand man Anna Walentynowicz.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die Reaktionen der polnischen Opposition auf diesen Vorgang vorzustellen. Sämtliche Theorien, laut denen der Flugzeugabsturz - dessen prominentestes Opfer ja der frühere Staatspräsident Lech Kaczynski war - eine von den Russen geschickt gestellte Falle gewesen sei, flammten sofort wieder auf. Auch der Vorwurf, dass die Regierung von Donald Tusk die polnischen Interessen bei der Aufklärung des Unglücks nicht ausreichend vertreten habe, erhielt neue Nahrung.
Die schärfste Kritik richtet sich gegen Ewa Kopacz, die heutige Parlamentspräsidentin, die zum Zeitpunkt des Unglücks Gesundheitsministerin war. Zwar sei es schon eine Unverschämtheit der Russen gewesen, dass man die Leichen am Ort des Unglücks nicht genau auf deren Identität untersucht habe. Doch Pflicht der polnischen Behörden wäre es auf jeden Fall gewesen - so die Kritiker -, dies vor der Bestattung in der Heimat noch einmal gründlich zu tun.
Kopacz hatte in der Vergangenheit immer wieder erklärt, dass sie die Verschließung aller Särge in Moskau seinerzeit persönlich beobachtet habe. Jetzt meinte sie, dass im Falle von Anna Walentynowicz deren Angehörige diese Aufgabe übernommen hätten. Doch im Widerspruch dazu steht, dass gerade die Familie auf die Exhumierung gedrungen hatte.
"Die Amerikaner haben einige Opfer des Anschlags auf das World Trade Center mehr als zwei Jahre lang untersucht", meint das Wochenblatt "Wprost". Die konservative Zeitung "Rzeczpospolita" spricht von einem "unglaublichen Skandal", für den "ganz konkrete Personen zuständig waren und dafür zur Verantwortung gezogen werden müssen."
Für eine geplante Massendemonstration gegen die Regierung an diesem Sonnabend in Warschau, zu der die Partei "Recht und Gerechtigkeit" ohnehin seit Monaten aufgerufen hatte, sind die Vorgänge der passende Zündstoff. Schon haben vier weitere Familien die erneute Obduktion der Leichen ihrer Angehörigen beantragt. "Vielleicht müssen auch die Särge von Lech und Maria Kaczynski auf der Wawelburg in Krakau noch einmal untersucht werden?", fragen die Kommentatoren. Zunächst aber soll Anna Walentynowicz heute in ihr wirkliches Grab in Danzig überführt werden.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 28.09.2012