Peenemünder Erklärung 2012 zum 100. Geburtstag von Wernher von Braun

Am 23. März 2012 jährt sich der Geburtstag Wernher von Brauns zum 100. Mal. Zu diesem Anlass wird es vielfältige Würdigungen geben. Wir warnen davor, Wernher von Braun zu idealisieren und seine Rolle als technischer Leiter der zwischen 1936 und 1945 existierenden Heeresversuchsanstalt in Peenemünde auf Usedom zu verkennen, die mit der NS-Politik eng verbunden war. Von Braun war NSDAP- und SS-Mitglied, seine Arbeit diente der Entwicklung von Terrorwaffen für Hitlers Krieg; nicht zuletzt war er mitverantwortlich für den Tod von Tausenden von Häftlingen bei der Entwicklung und Produktion dieser Waffen.

Sicherlich hatte von Braun ein großes Interesse an Raketentechnik und Weltraumfahrt. Und tatsächlich erreichte eine von ihm gebaute und am 3. Oktober 1942 von Peenemünde aus gestartete Rakete mit 85 km Höhe auch den Rand der Erdatmosphäre. Doch ist daran zu erinnern, dass diese von Propagandaminister Goebbels als „Wunderwaffe“ bezeichnete Rakete eine späte Kriegswende herbeiführen sollte. Eingesetzt werden konnte die Waffe wegen ihrer Zielungenauigkeit jedoch nur gegen große Städte. Die Raketen trafen vor allem die Zivilbevölkerung in England und Belgien. Die letzten der in Peenemünde entwickelten Raketen wurden am 27. März 1945 abgeschossen. Sie verbreiteten gewiss Schrecken, doch war ihre militärische Bedeutung nicht so hoch zu veranschlagen wie die NS-Propaganda behauptete. Sie ist jedoch im Kontext der skrupellosen Kriegs- führung Hitlers zu sehen, für die von Braun arbeitete.

Gravierend ist auch der Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen bei der Entwicklung und Produktion der Raketen unter menschenverachtenden Lebens- und Arbeitsbedingungen. In der Massenproduktion der Raketen in der Stollenanlage in Mittelbau Dora führten diese zum Tod von 10000 – 20000 Zwangsarbeitern. Die Verlagerung der Produktion in die unterirdischen Anlagen bei Nordhausen erfolgte nach einem britischen Luftangriff auf die Militäranlagen in Peenemünde im August 1943. Dabei kamen 735 Menschen ums Leben, hiervon ein Großteil polnischer Zwangsarbeiter des Lagers in Trassenmoor. Ihnen wurde der Zugang zu Schutz- räumen hier wie andernorts verwehrt. Dazu passt auch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Tests östlich von Krakau durchgeführt wurden.

Dies alles gehört in eine Würdigung von Brauns, der in amerikanische Kriegsgefangenschaft kam und dann – wie andere Raketenforscher für die Russen – für die Amerikaner arbeitete, die ihrerseits die Rolle von Brauns im Dritten Reich ignorierten. Keine Frage, dass er in den USA eine wichtige Rolle spielte, u.a. im Apollo- und Saturn-Programm, die die erste Mondlandung ermöglichten.

Der Fall von Braun macht deutlich, dass Wissenschaftler und Ingenieure, zumal unter diktatorischen Regimen, eine Mitverantwortung für die Konsequenzen ihres Tuns haben. Wernher von Braun ist ihr nicht nur nicht ge- recht geworden, sondern stand aktiv im Dienst der verbrecherischen NS-Kriegspolitik mit ihren verheerenden Auswirkungen. Dies macht es unmöglich, Wernher von Braun unkritisch unter Verharmlosung seiner Rolle während des Krieges als einen Pionier der Weltraumfahrt zu feiern. Es ist wirklich an der Zeit, eine wissenschaftlich seriöse Aufarbeitung von Peenemünde zu realisieren.

Polnisch-Deutsches Kulturforum Insel Usedom - Stadt Swinemünde/Insel Wollin
März 2012

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Veröffentlichung/ data publikacji: 18.12.2012