Anstelle der Ehre

Ehre und das, was damit zusammenhängt, scheint ein Komplex zu sein, den eine fortschrittliche Gesellschaft aufatmend hinter sich lässt. Wir können froh sein, wir sollten es sein, dass wir Sinnsprüche wie "Meine Ehre heißt Treue" auf den Koppelschlössern der SS tatsächlich hinter uns gelassen haben und dass es keine Gesetze "zum Schutz der deutschen Ehre" mehr gibt. Wir können auch froh sein, dass man einander nicht mehr wegen einer Beleidigung bei Morgengrauen feierlich über den Haufen schießt oder durchbohrt. "Und [er] stieß ihm, nachdem er ihn aufgefordert hatte, seine Ehre ihm wieder zu geben, den Degen durch den Leib", berichtet Schiller. Wir können auch froh sein, dass der Verlust weiblicher Unschuld keinen Mord mehr rechtfertigt.
Für Migranten, die aus einer von klaren Wertordnungen bestimmten Umgebung kommen, muss diese seltsame Leerstelle in unserer psychosozialen Verfassung erschreckend sein. Wir haben Gesetze, aber keinen Ehrenkodex. Einen Rechtsstaat, der gewisse Sicherheiten, aber keine Orientierung bietet. Wir hatten einst die christlich-katholische Definition der sieben Laster, die als Wurzeln der Sünde gelten, als da sind: Hochmut, Habgier, Wollust, Völlerei, Trägheit des Herzens und Geistes, Neid, Zorn. Mit den meisten dieser Vokabeln wären die psychologischen Bedingungen, auf denen der Turbokapitalismus beruht, ziemlich treffend benannt.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 13.08.2010