Vergessene Orte – jüdische Friedhöfe in Westpolen

Eine Ausstellung und Begegnung mit Eckehart Ruthenberg
17. September 2010 – 18 Uhr,
Kulturzentrum in Chojna (Bibliothek)

Eckehart Ruthenberg, ein Künstler aus Berlin, ging bereits Mitte der 1980er Jahre auf Spurensuche von jüdischen Friedhöfen in der DDR. Auf eigene Faust entdeckte er die meisten der 300 erhaltenen, doch kaum dokumentierten und oft verwahrlosten jüdischen Bestattungsorten. Nach der deutschen Vereinigung brachte er zusammen mit zwei Mitautoren „Stein und Name“ heraus, einen historischen Führer durch die jüdischen Friedhöfe in der ehemaligen DDR. Seit 2006 führt ihn nun der Weg nach Westpolen, wo er nach weiteren jüdischen Friedhöfen sucht. Bis jetzt erforschte er u.a. Kreis Gryfino (ehemals Greifenhagen), die Umgebung von Stettin und das Lebuser Land.

Von jedem entdeckten Grabstein, der nicht selten zunächst von einer Schicht Erde, Laub, Unkraut und Müll freigelegt werden muss, erstellt er auf Seidenpapier einen Abrieb, um den ganzen Stein samt Inschrift festzuhalten. Das Papier, mit dem er den Grabstein abdeckt, wird per Hand mit Erde berieben, am besten Eichenerde, die unter einem alten Baum zu finden ist. Eine Auswahl der Abriebe ist in der Ausstellung zu sehen, ergänzt von Aufnahmen jener vergessenen Orte.

Ruthenberg meint, die vergessenen kleinen jüdischen Friedhöfe seien wie Waisenkinder, und er nimmt sich derer an. „Sie hatten ihre Eltern im Holocaust verloren und wurden dann schlecht behandelt, mussten in der Fremde und unter den Fremden weiter leben. Es ist Zeit, dass jemand gut zu ihnen ist“, sagt er.

Ende des Jahres erscheint im 2. Band des Chojnaer Jahrbuches ein langes Gespräch mit diesem „Erinnerungsarbeiter“, wie er sich selbst bezeichnet.

Ruthenberg besuchte auch den jüdischen Friedhof in Chojna, wo nur noch leere Wiese und einige Mauerreste zu finden sind. Dabei überdauerte dieser Friedhof den Krieg und Holocaust… – ähnlich wie andere Friedhöfe in anderen nahen Orten. So können wir, die heutigen Bewohner dieses Landstriches, uns nicht in Unschuld wähnen, denn gerade wir haben leichtsinnig einen wichtigen Teil der Geschichte unserer Heimat zerstört.

Daher diese Ausstellung.

Eckehart Ruthenberg wurde 1943 in Greifswald geboren. 1970 machte er Abschluss in Industrie-Design an der Hochschule der Künste in Berlin-Weißensee. Bis 1979 arbeitete er als Designer und freischaffender Künstler in Dresden, dann in Wismar. 1984 verhängten die DDR-Behörden über ihn ein Berufs- und Ausstellungsverbot. Sein Personalausweis wurde eingezogen, was seine Bewegungsfreiheit wesentlich beeinträchtigte und ihn polizeilichen Schikanen aussetzte. 1989 erfolgte die Genehmigung, die DDR zu verlassen, zuvor wurde ihm die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt. Ruthenberg ging nach Westberlin und ließ sich ein Jahr später in Bergisch Gladbach nieder.

Sein Werk umfasst Holzskulpturen, Collagen und Grafiken, auch zu jüdischen Themen (Ausstellungen u.a. in Berlin und Jesteburg, wo er 2006 er den 1. Preis der Kulturwoche bekam).

Seit 2001 lebt Ruthenberg wieder in Berlin und leitet im Prenzlauer Berg die Galerie Süßholz. Ist das ein Zufall, dass er in einer Straße wohnt, die nach Schliemann, einem Archäologen aus dem 19. Jahrhundert und Entdecker von Troja benannt wurde? Seit Jahren führt Ruthenberg doch selber Ausgrabungen und entdeckt Hunderte kleine Trojas – vergessene jüdische Friedhöfe in Deutschland und Polen. Unlängst fragten ihn befreundete Ukrainer, ob er nicht bereit wäre, dies auch in der Ukraine zu tun.

Die Ausstellung wurde vorbereitet vom Geschichts- und Kulturverein Terra Incognita in Chojna mit Unterstützung aus den Mitteln der kommunalen Kultureinrichtung „Szczecin 2016“, die die Kandidatur der Stadt Stettin im Wettbewerb um den Titel Kulturhauptstadt Europas fördert.

Event: 17.09.2010 - 18:00 - 17.09.2010 - 21:00
Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 13.09.2010