Gegen den Strom - Grablichter der Ignoranz

Zufälle... In Schlesien möchte die Bewegung für ein Autonomes Schlesien an die Macht, ein künstlich revitalisiertes Konsortium Giesche SA streckt seine Krallen nach der Hälfte von Kattowitz aus, im Bundestag in Berlin wird an das Unrecht, das den „Vertriebenen“ geschehen ist, konsequent erinnert.

Und dazu kommt ein unerwarteter Akzent aus Stettin... Eine Gruppe junger Menschen zündet die Grablichter am Tobruck-Platz an, neben dem Springbrunnen mit dem Anker. Eine dramatische Geste! Sollte sie an die von der Regierung liquidierte Stettiner Werft erinnern, und somit an die ruinierte maritime Wirtschaft, an den Hafen, der Mal der größte im ganzen Ostseegebiet war? Iwo! Die jungen Menschen haben die Fackellichter angezündet, um daran zu erinnern und dagegen zu protestieren, dass es kein städtisches Geld für den Wiederaufbau des ... deutschen Denkmals von Sedina geben wird. Es war ein eklektisches, pangermanisches Symbol Stettins zu Bismarcks Zeiten – schöner, obwohl sehr kitschig, ist der Springbrunnen von Ludwig Manzel, einem Künstler, der „am vollkommensten den deutschen Geist wiedergibt"...

Und dies in einer Zeit, in der im Westen Europas, nach Jahren der „Euro-Euphorie“, nationale, patriotische Strömungen wiederbelebt werden.

Dass Sedina Faszination auslöst, kann man als Ergebnis dessen auslegen, dass der Staat darauf verzichtet hat, polnische Geschichte zu lehren. Das instinktive Bedürfnis zur Erkundung der Vergangenheit wird von privaten Medien, kommerziellen Stadtführern, in Mode gekommenen Internet-Portalen erfüllt. So kommt es, dass sich im freien und souveränen Polen ein Mythos entwickelt hat, der die Denkmäler der deutschen Stadt Stettin betrifft (die man nur von alten Fotos kennt)... Sie waren schön – im Stil und in der Manier der Epoche des preußischen Expansionismus, typisch für die Zeiten der angreifenden, polenfressenden Regenten. Das letzte von diesen Denkmälern, das Reiterdenkmal des Kaisers Wilhelm I., Gründer des 2. Deutschen Reichs, errichtet in der Stadtmitte (heute Plac Żołnierza), haben die polnischen Pioniere am Jahrestag der Schlacht von Grunwald (Tannenberg-Schlacht 1410) abgetragen ...

Das Denkmal Sedina von Karl Ludwig Manzel galt in der Zeit des großen Thorvaldsen als antiquarisch, Kitsch sogar. Es entstand 1898 aus Anlass der Eröffnung des Freizoll-Hafens in Stettin, vor allem aber, um der mächtigen Reichsflotte zu gedenken. 1942 wurde das Denkmal für Munition eingeschmolzen.

Unsere Väter hatten nicht geplant, aus den polnischen Ostgebieten, die während des Kriegs von den Sowjets annektiert wurden, hierher, zur Ostsee und zur Oder umzusiedeln, nach Olsztyn (Allenstein), Wrocław (Breslau) oder Szczecin (Stettin). Sie eigneten sich mit sehr viel Mühe diese neue Umgebung an. Die slawischen Spuren dieser Region waren schon längst vom Staub der Geschichte zugedeckt. Die Stadt, die es vor dem Krieg gegeben hatte, wurde vom Krieg weggefegt, sie existiert nur noch auf Postkarten. Und das sollte reichen...
Man kann verstehen, dass sich die jungen Menschen nicht mehr für die Denkmäler aus der Zeit der Volksrepublik interessieren. Und die Nostalgie ist in Mode gekommen. Aber auf die ideologischen Symbole des ewigen Feindes zurückzugreifen? Das hat noch keine Generation junger Polen ausprobiert... Man baut nicht fremde Denkmäler wieder auf, es sei denn, um dem Angreifer zu gefallen. In einer Stadt, die seit 65 Jahren polnisch ist, soll man neue, eigene, polnische Denkmäler errichten.
18. Febr. 2011

Übersetzung: Ewa Maria Slaska

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 24.02.2011

Kommentare

"Gegen den Strom - Grablichter der Ignoranz", Kurier Szczecinski

Tomasz Kowalczyk
Chefredakteur des „Kurier Szczeciński”
pl. Hołdu Pruskiego 8
70-550 Szczecin

Potsdam, Frankfurt (Oder), Gorzów, Szczecin, 22.2.2011

Sehr geehrter Herr Kowalczyk,

einigermaßen verblüfft haben wir den Artikel von Janusz Ławrynowicz „Znicze ignorancji” [Kerzen der Ignoranz] vom 18. Februar 2011 in Ihrer Zeitung und auf Ihrer Internetseite zur Kenntnis genommen. An diesem Artikel sind uns zwei Dinge besonders aufgefallen: die Unterstellung, das heutige Deutschland setze die Eroberungspolitik Preußens gegenüber Polen fort und die Bezeichnung der heutigen Deutschen als die „ewigen Feinde” Polens.
1991 haben Polen und die Bundesrepublik Deutschland einen Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit abgeschlossen und einige Monate vorher den Vertrag über die Bestätigung der zwischen ihnen bestehenden Grenze. Beide Verträge spielten eine große Rolle im schwierigen deutsch-polnischen Annäherungsprozess. Natürlich kann der Artikel des Herrn Ławrynowicz diesen Prozess weder bremsen noch umkehren, aber leider können ihn diejenigen erfreut begrüßen, die diesen Prozess ablehnen.
Wir wollen hier nicht mit den inhaltlichen Thesen von Herrn Ławrynowicz polemisieren, denn wir weisen chauvinistische Thesen prinzipiell zurück. Solche Thesen dienen weder der Aufrechterhaltung des Friedens noch der Entwicklung gut nachbarschaftlicher Beziehungen und freundschaftlicher Zusammenarbeit. Wir möchten im Gegenteil entschieden gegen diese Thesen protestieren.
Wir hoffen, dass der genannte Artikel weder die Meinung der von Ihnen geleiteten Zeitung noch des Redaktionskollektivs zum Ausdruck bringt.

Im Namen des Deutsch-Polnischen Journalistenclubs
„Unter Stereo-Typen/Pod Stereo-Typami”

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