Niemand wird mehr sagen können: »Ja, so war es«

Vor 60 Jahren wurde das KZ Buchenwald befreit. Auf der Gedenkfeier am Sonntag hielt der Schriftsteller Jorge Semprún, einst selbst dort gefangen, eine bewegende Rede. Wir dokumentieren sie.
Wir wissen es alle, es stimmt, dass diese 60. Wiederkehr des Tages, an dem die nationalsozialistischen Konzentrationslager aufgedeckt und befreit wurden, dass diese Gedenkfeier die letzte sein wird, an der Zeugen jener Erfahrung teilnehmen werden. In zehn Jahren, im Jahr 2015 – denn diese Gedenkfeiern haben ja seit 1945 verständlicherweise von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an Feierlichkeit und Bedeutung gewonnen – 2015 also wird es keine Zeugen mehr geben: Wir werden kein Zeugnis mehr geben können von den Erfahrungen in den Nazilagern. Es wird keine unmittelbare Erinnerung mehr geben, kein direktes Zeugnis, kein lebendiges Gedächtnis: Das Erlebnis jenes Todes wird zu Ende gegangen sein. Niemand wird mehr sagen können: »Ja, so war es, ich war dabei.«
Hoffen wir, dass bei der nächsten Gedenkfeier in zehn Jahren, 2015, die Erfahrung des Gulag in unser kollektives europäisches Gedächtnis eingegliedert worden ist. Hoffen wir, dass neben die Bücher von Primo Levi, Imre Kertész oder David Rousset auch die Erzählungen aus Kolyma von Warlam Schalamow gerückt wurden.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.zeit.de/2005/16/BefreiungBuchenw_
Veröffentlichung/ data publikacji: 03.06.2009