Spaziergang in Babij Jar

Vor siebzig Jahren ermordeten SS- und Wehrmachtssoldaten wurden in der Schlucht Babij Jar mehr als 33.000 Menschen. Mittlerweile hat die Großstadt Kiew die Schlucht umschlossen. Sie ist heute ein Park.
Bleibt ein Ort derselbe Ort, wenn man an diesem Ort mordet, verscharrt, sprengt, aushebt, verbrennt, mahlt, streut, schweigt, bepflanzt, lügt, Müll ablagert, flutet, ausbetoniert, wieder schweigt, absperrt, Trauernde verhaftet, später zehn Mahnmale errichtet, der eigenen Opfer einmal pro Jahr gedenkt oder meint, man habe damit nichts zu tun? Zur Schlucht Babij Jar fahre ich mit der U-Bahn. Sie liegt nicht mehr am Stadtrand. Die Großstadt Kiew hat Babij Jar längst umschlossen. Eine Tuborg-Bude, ein Kiosk, das Denkmal für die getöteten Kinder. Auf dem Podest liegt eine kleine blaue Socke. Jemand hat sie verloren. Mir fehlt Sauerstoff, ich kann diesen Ort nicht akzeptieren. Sportlerinnen joggen, Jungen spielen Fußball, Männer trinken Bier auf den Bänken, und Rentner sammeln Flaschen ein - der ganz gewöhnliche städtische Stoffwechsel. Babij Jar ist heute ein Park, und ich suche mir meinen Weg. Nein, ich werde mich nicht verlieren, ich habe mehrere Stadtpläne dabei, auch eine aktuelle „Sport-Orientierung in Babij Jar“.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.faz.net/artikel/C30351/zum-jahrestag-des-massaker...
Veröffentlichung/ data publikacji: 29.09.2011