Eine Ausrede weniger gegen Polnisch-Lernen

Genau zwanzig Jahre nach der Wende ist das erste gesamtdeutsche Schulbuch für die Sprache des Nachbarlandes erschienen

Wenn zur Premiere eines Schulbuches ein Staatsminister, der Botschafter eines Nachbarlandes und der Präsident der Kulturministerkonferenz erscheinen, muss ein besonderer Grund vorliegen. Die Erklärung: Bisher gab es im vereinten Deutschland kein offizielles Lehrwerk für Polnisch.

Berlin (MOZ) Matthias Kneip vom Deutschen Polen-Institut verdeutlicht das Problem mit einer Episode: „Als ich mal einen Bekannten fragte, weshalb er nicht nach Polen fährt, entgegnete er: Ich habe Angst, weil ich die Sprache nicht spreche! Auf die Frage, wohin er stattdessen in den Urlaub fahre, antwortete er mir: Nach
Indonesien!"

Viele Deutsche haben eine Hemmschwelle gegenüber Polen. Weil die Sprache des Nachbarlandes aber nur äußerst selten an Schulen angeboten wird, ändert sich daran nicht viel. Selbst in Brandenburg, das noch vergleichsweise gut dasteht, lernen nur 2200 Kinder und Jugendliche Polnisch. Das ist nicht einmal jeder Hundertste der 278 000 Schüler des Landes.

Neben dem Desinteresse der Schüler und Eltern bestand eines der Haupthindernisse bisher im Fehlen eines offiziellen Lehrwerks. Im Frankfurter Karl-Liebknecht-Gymasium oder am Freien Rahn-Gymnasium in Neuzelle (Oder-Spree), wo schon lange Polnisch angeboten wird, behilft man sich mit dem noch in der DDR erschienenen Lehrwerk „Mówimy po Polsku" (Wir sprechen Polnisch) oder dem von einem Krakauer Verlag herausgegebenen dreibändigen Buch„Hurra – Polnisch für Ausländer", in dem freilich spezielle Hinweise für deutsche Lernende fehlen. „Improvisationsvermögen der Polnisch-Lehrer war und ist gefragt", sagt die Frankfurter Pädagogin Hannelore Heinemann.

Bundesdeutsche Schulbuchverlage verweigern sich der Forderung nach einem Lehrwerk dagegen hartnäckig mit dem Hinweis auf die fehlende Nachfrage. „Es war wie ein Teufelskreis", beschreibt Matthias Kneip: „Wegen der fehlenden Nachfrage gab es keine Bücher, wegen der fehlenden Bücher keinen Unterricht und wegen des fehlenden Unterrichts keine Nachfrage."

Seit gestern „gibt es nun aber eine Ausrede weniger gegen das Polnisch-Lernen", stellt Erika Worbs fest. Die Professorin an der Universität Mainz ist Herausgeberin des zweibändigen Lehrwerks „Witaj Polsko – Willkommen Polen", das in der Berliner Gabriele-von-Bülow-Schule präsentiert wurde. Das Gymnasium in Tegel bietet Polnisch regulär als dritte Fremdsprache von der siebten Klasse bis zum Abitur an und hat seit 2001 eine Partnerschule in Breslau (Wroclaw).

Fast genauso lange, nämlich sieben Jahre, hat es gedauert, das erste gesamtdeutsche Polnisch-Lehrbuch zu entwickeln und mit staatlicher und gesellschaftlicher Hilfe herauszubringen. Die Bundesregierung hat das Schulbuch mit 227 000 Euro gefördert. Weitere Unterstützung kamen von der Kultusministerkonferenz, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und der Robert-Bosch-Stiftung – insgesamt über 300 000 Euro.

„Ein Beleg dafür, wie schwierig es ist, in Deutschland etwas Neues zu organisieren", denkt eine der Besucherinnen laut, während sich die Festredner – von der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth bis zu Polens Botschafter Marek Prawda in Lobeshymnen ergießen. Der Hinweis auf den Beitrag, den Polen zur Wende 1989 geleistet hat, kommt gleich mehrfach vor. Kultur-Staatsminister Bernd Neumann (CDU) gesteht, dass er zwar im heute polnischen Elbing (Elblag) geboren wurde, aber trotzdem kein Wort Polnisch spricht. Und der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern, Henry Tesch (CDU), deutet an, wie mühsam die Zustimmung aller 16 Bundesländer zu dem Werk zu erreichen war.

Sehr viel besser hören sich dagegen Kostproben an, die Schüler des Gymnasiums auf Polnisch geben. Ihre Motive, die Sprache zu lernen, sind ganz unterschiedlich. Der 15jährige Moritz etwa rechnet sich „dadurch gute Berufschancen aus". Seine Freundin Marcela
dagegen lernt Polnisch, weil auch Moritz es tut.

„Witaj Polsko!" Universum Verlag Wiesbaden 2009. Band 1 und 2 je 24.80 Euro; Beiheft 16,80 Euro; Audio CD 19,80 Euro

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Veröffentlichung/ data publikacji: 23.09.2009