Praxis ohne Vision - Kommentar zur IV. Stettiner Konferenz "Unsere Grenzregion"

Zum vierten Male zwischen Vision und Praxis, zum vierten Male hatten die Stadt Szczecin, der benachbarte deutsche Landkreis und die Euroregion Pomerania eingeladen zur Diskussion über die zukünftige grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Gekommen waren Vertreter der Verwaltungen, Mitglieder von Vereinen, Stadträte und Kreistagsmitglieder, Bürgermeister und Gemeindevorsteher, Journalisten und Interessierte. Viele von ihnen Protagonisten der realen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Manch einer mit je einem Bein auf der anderen Seite der Grenze verwurzelt. Sie durften sich in die Ränge setzen und den politischen Würdenträgern, den Verwaltern und Planern zuhören. Und was es da zu hören gab?

Stettin ist groß, so groß wie Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Stralsund, die vier größten Städte Mecklenburg-Vorpommerns zusammen. Und Stettin liegt an der Grenze, so dicht an der Grenze wie keine andere polnische Großstadt. Das alles sind Fakten, die zwar seit fast 20 Jahren bekannt, aber doch auf jeder Konferenz immer wieder betont werden. Kurz gesagt, es war wie immer in den letzten 15 Jahren. Nur die Vokabeln haben sich etwas geändert. Heute redet man über die neue, grenzüberschreitende Metropolregion. Szczecin soll das Oberzentrum der Region sein, der Magnet, der alle und alles anzieht: Investoren, Touristen, Kulturschaffende, Wissenschaftler, ...

Doch was bedeutet das für die Menschen in der Region? Sie fahren im besten Falle nach Stettin zur Arbeit, kommen zum Einkaufen, gehen Tanken, vielleicht Essen, besuchen die Oper, die Disco oder das Theater, besuchen Eltern oder Grosseltern.

Was bedeutet das für die Stettiner? Sie werden langsam weniger. Wer kann und das waren in den vergangenen Jahren zehntausende, baut sein Haus im Grünen, gleich hinter der Stadtgrenze. Stettiner Jugendliche, die reiten wollen, fahren fast immer in eine der Nachbargemeinden. Stettiner Segler, die einen Tagesausflug auf dem Dammschen See unternehmen, legen zum Fischessen in der Gemeinde Goleniow an. Stettiner Radfahrer zieht es zur sonntäglichen Radtour auf die Radwege westlich der Grenze. Ja selbst Stettiner, die Arbeiten gehen, fahren immer öfter in die Nachbargemeinden, denn dort, in Goleniow, Kolbaskowo und Dobra sind in den vergangenen Jahren hunderte neuer Arbeitsplätze in neuen Betrieben entstanden. Den Stettinern aber bleiben die Kosten. Sie müssen zahlen für abertausende Autos, die in die Stadt kommen, parken und Raum verbrauchen, für Wasser und Müll, den Besucher und Pendler hinterlassen. Das Leben in der Stadt wird immer teurer werden, bereits für das nächste Jahr wurde die Grundsteuer erneut angehoben und andere Kosten werden folgen.

Dabei kann Stettin ohne sein Umland nicht leben, die Stadt besitzt kaum Liegenschaften für Gewerbeansiedlungen, die Grundstückspreise sind höher als im Umland, die Verkehrsanbindung schlechter. Doch diese Stadt scheint sich selbst zu genügen. Stettin ist groß und Stettin hat Größeres verdient, Berlin zum Beispiel oder lieber gleich Brüssel.

Man findet seine Partner, wenn man sie braucht, so in etwa sagte Oberbürgermeister Piotr Krzystek in der kurzen Diskussion, die den Tag der Vorträge abschloss. Der Saal war fast leer, das schmackhafte Bufet schon lange abgeräumt, die Medien schon gegangen. Schade eigentlich, denn dieser Satz sagt mehr als tausend schöne Worte. Stettin igelt sich ein, verkriecht sich in der Festung und kommt nur heraus, wenn es genehm ist. Das aber wird wohl kaum die Vision sein, aus der eine Metropolregion entstehen kann. Das ist auch keine Zusammenarbeit. Die aber bräuchte es, um Menschen davon zu überzeugen, zu motivieren, mitzureißen in eine neue Zukunft ohne Grenzen, ohne Sprachbarrieren und ohne Angst vor dem Fremden, dem Anderssprachigen. Schade eigentlich, denn Stettin hat Anderes verdient. Stettin, die Stadt in der immer Fremde etwas bewegt haben, die von Fremden wieder aufgebaut wurde, als sie nach 1945 in Trümmern lag, die Fremden ein Zuhause wurde, eine Heimat und in der seit Jahrhunderten die größte Kirche dem Schutzpatron der Fremden und Pilger geweiht ist.

Aber wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss eben der Prophet zum Berg gehen, sagt ja ein altes Sprichwort.

Mathias Enger

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.grenzland24.info
Veröffentlichung/ data publikacji: 01.12.2011