Schlüssel in offenen Türen. (Das STASI-Gefängnis in Bautzen)

Ich gehe leise an einer Reihe von Zellen vorbei, jede mit einem Foto und kurzem Biogramm des Besitzers gekennzeichnet. Eine nach der anderen leer. Es scheint, die Personen von den Fotos haben einen Moment gemeutert und die Festung verlassen. Die Gefängniswärter haben ihre Waffen niedergelegt und die Schlüssel stecken gelassen.

Die einer Fabrik ähnlichen Räumlichkeiten des Bautzen II Gefängnisses sind mit einer vergitterten Sodalampe erleuchtet. Nur oben, über der Treppe, hängt eine phantasievolle, sezessionistische Girlande aus dem Beginn des XX Jahrhunderts. Es ist schwer, sich zu vorstellen, dass unter diesem schönen Metallbogen Menschen marschieren mussten – die Nazi-Gegner von den SS-Männern getriebenen, und auch die Antikommunisten – von den DDR-Soldaten getrieben.

Die Zelle

„Ich schaue auf das Gesicht im Spiegel. Es ist blassgelb. Angeschwollene Augenlieder. Bin’s wirklich ich?“ – fragt eine von einem Foto schauende Person. „Und dicke Tränen flieβen die Wangen runter“. Ich sehe in die Zelle hinein um den Duft der Zahnpasta oder Spuren einer warmen Berührung auf der Stuhllehne zu finden. Hier aber gibt es nur eine glatt zusammengefaltete graue Decke, ein paar zusammengestellte Möbelstücke und einen leblosen Spiegel, der kein weibliches Gesicht widerspiegelt. In der nächsten Zelle erblicke ich auf dem Tisch ein Schachbrett mit erstarrten Schachfiguren. An beiden Seiten des Tisches je ein Stuhl. Bereit zu einer Schlacht. Ein Pferd und ein Turm in zwei entgegengesetzten Ecken des Schachbretts. Es scheint, nach einem Moment werden sie von unsichtbaren Händen zueinander getrieben. Das dürfen sie noch. Denn was blieb den Unsichtbaren noch übrig? Drei Bücher mit grauen uninteressanten Umschlägen. Leninwerke und marxistische Wirtschaftstheorie. Alle für alle Fälle vorbereitet, als ob ein Lehrer in Soldatenuniform sicher sein möchte, dass sein Schüler unter Sonderwacht fleiβig seine Hausarbeit in der Zelle macht. Auf das intellektuelle Spiel konzentriert, nachdenklich in den Spiegel schauend, in ein stilles Gespräch mit einem Unglücksgefährten vertieft… Zu jedem Moment soll es einem bewusst sein, wo er ist…

Ein Sarg mit schallgedämpften Wänden

Diese grauen Fahrzeuge fuhren sogar auf polnischen Straβen. Ich erinnere mich daran. Noch in den 80-ger Jahren hielten sie oft vor der PSS „Spolem“ – Konsum Molkerei, gefüllt mit Milchflaschen. Oder mit Kartons mit Frühstuckbutter. Sie hieβen „Robur“. Oder „IFA“. Solch stillgelegtes „IFA“-Fahrzeug steht jetzt hinter Glass in der Museumsaustellung und macht dort einen erschütternden Eindruck. Erst jetzt sieht man, wie es ein Panzerauto wäre. Die Ladefläche befindet sich hoch über dem Boden und ist nur über ein paar Metallstufen zu erreichen (starke männliche Hände helfen mir dabei) – ich fühle mich, als ob ich in einem Sarg wäre. Keiner der zehn Käfige, 70 x 70 Zentimeter eng, mit einem schmalem Schlitz oben, lässt eine Stimme na draußen durch. Die schweren Türen schließen sich. Man bleibt allein in Dunkelheit und Stille. Obwohl heute ein nasser Novembertag ist, fühle ich hier Hitze und stickige Luft, in der die von Straβen und Häusern entführten ins Gefängnis gefahren worden sind.
Das zerrissene Netz

Die oberen Etagen erreicht doch die Sonne. Von den Fenstern des Radiosender-Raums , der sich im oberstem Stock befindet, sieht man sogar einen Weg… (zur Freiheit?). Zuerst muss das Auge aber fünf dreieckige Ausläufe überwinden. Alle in Fächerform, mit einem Wachturm in der Ecke. Ein Spazierplatz für die Leute in grauer Gefängniskleidung. Und dann die Mauer: darüber schauen einen ruhig Fenster der guten sezessionistischen Häuser still an. Groβe Fenster sicherer Wohnungen, mit Blumen, einer Lampe in der Ecke und einem weichen Teppich im Flur.

Ich bewege mich in den leeren Raum zurück. Ich blicke um mich, den Wächterblick suchend. – Darf ich wirklich? Noch vor 20 Jahren ich – eine Bewohnerin der Stadt Wrocław auf der zweite Oderseite – käme nicht hinein. Jetzt darf ich die vielen Kabel anfassen, die von der Wand runterhängen. Auf dem Instrumentenbrett fehlen die Drehknöpfe. Das zerrissene Netz. Das zerschlagene System. Ein Zimmer wie eine Parabel des Staats, der Deutsche Demokratische Republik hieβ. Auf Gewalt und Verfolgung gegründet, hat wirklich aufgehört zu existieren. Hier, in dem Bautzener STASI-Gefängnis.

Aleksandra Solarewicz

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Die Reportage wurde dank der Journalistenstudienreise „Auf der zweite Oderseite“ in November 2008 organisiert von Poldeutsche Mediatandem-Stiftung geschrieben.

Vollständiger Text/ cały tekst: http://medientandem.pl/fundacja/index.php
Veröffentlichung/ data publikacji: 22.06.2009